27 März Heft 1 – Einführung in die Lesereihe
Liebe Seelen der Welt,
Im Jahr 2019 fasste ich den Entschluss, meine Erfahrungen, Wahrnehmungen und Forschungen über Yin und Yang für die Nachwelt in einem Buch festzuhalten. Der Impuls dazu kam aus meiner Schülerschaft. Warum eigentlich nicht?, dachte ich und begann mich zunächst zu erkundigen, wie man überhaupt ein Buch schreibt.
Voller Enthusiasmus machte ich mich an die Arbeit. Einige Autoren standen mir damals beratend zur Seite. Sie gaben mir viele Empfehlungen und Hinweise: worauf man achten müsse, welche Kosten auf einen zukämen, wie Verlag und Lektorat funktionieren. So gut all diese Ratschläge auch gemeint waren – sie wirkten eher bremsend als motivierend.
Trotzdem ließ ich mich von den vielen äußeren Einflüssen nicht aufhalten. Mit all diesen Informationen im Gepäck begann ich zu schreiben.
Der Anfang war vielversprechend. Die ersten Seiten entstanden fast wie von selbst. Doch nach einigen Wochen machte sich ein merkwürdiges Gefühl breit. Irgendetwas stimmte nicht.
Also begann ich wieder von vorne. Ich las alles noch einmal, änderte Texte, ergänzte Gedanken, schrieb ganze Abschnitte um. Das zog sich über längere Zeit hin.
Dann kam der Impuls, zunächst ein Inhaltsverzeichnis zu erstellen.
Boa … was wird das denn?, dachte ich.
Ich begann, verschiedene Überschriften zu sammeln. Jede sollte später ein eigenes Kapitel werden. Zunächst legte ich für jedes Kapitel ein separates Dokument an. Später wollte ich alles zu einem Buch zusammenführen. So jedenfalls war der Plan.
Gesagt, getan.
Steter Tropfen höhlt den Stein.
Und es steht geschrieben:
Der, der den Berg versetzt hat, war der, der den ersten Stein nahm.
Song Zuo
Im Juli 2026
Wie alles begann
Als ich im Jahr 2003 meine Lehre zum Taijiquan-Lehrer bei Lehrmeister Volker Jung begann, glaubte ich bereits eine Vorstellung von Energie zu haben. Schließlich meditierte ich zu diesem Zeitpunkt schon seit fast zwanzig Jahren.
Damals erlernte ich am Institut von Nikolaus B. Enkelmann in Königstein mentales Training und Hypnose. Täglich praktizierte ich diese Entspannungsmethode und beschäftigte mich zunehmend mit verschiedenen Formen der Meditation.
Es gab Zeiten, in denen ich tagelang kaum schlief, weil so viel Energie in mir zirkulierte. Ich fühlte mich wie ein HB-Männchen und wusste nicht, wohin mit dieser Energie.
Die Lösung war überraschend einfach.
Pausieren. Pausieren. Pausieren. Eine Woche – vielleicht waren es auch zwei oder drei – ohne die vertraute Stimme der Audio-Anweisung: „Versetzen Sie sich bitte zweimal täglich in einen Zustand vertiefter Entspannung …“ genügte, damit sich die Energie wieder etwas beruhigte und ich nachts endlich wieder schlafen konnte.
Taijiquan – ein neuer Weg beginnt
Zurück in das Jahr 2001
Durch eine Bekannte erfuhr ich im Jahr 2001 von einem Tag der offenen Tür bei ihrem Tai-Chi-Lehrer. An einem Samstag schaute ich mir alles an. Bereits am darauffolgenden Mittwoch besuchte ich meine erste Kursstunde. Der Lehrer hieß Freddy. Gleich zu Beginn leitete er eine Übung an, die den Namen „Stehen wie ein Baum“ trug.
Nach unzähligen Korrekturen – ich hatte das Gefühl, vollkommen schief und krumm dazustehen – war Freddy schließlich mit meiner Haltung zufrieden. So standen wir alle etwa zehn Minuten lang im Kreis. Einfach nur stehen. Erst danach ging es mit den eigentlichen Übungen weiter. Ich erinnere mich noch genau an meinen ersten Gedanken:
Meine Güte, ist das anstrengend. Und was soll das überhaupt bringen?
Die Menschen dort waren jedoch ausgesprochen freundlich. Nach den anderthalb Stunden Training blieb die Gruppe regelmäßig noch gemütlich zusammensitzen. Die Atmosphäre war familiär. Und genau das gefiel mir. Die eigentliche Überraschung wartete allerdings erst in der folgenden Nacht. Es war meine erste schmerzfreie Nacht seit zweieinhalb Jahren.
Was für ein Erlebnis! Zum ersten Mal konnte ich mich im Bett drehen, wie ich wollte.
Auf den Rücken.
Auf die Seite.
Nach rechts.
Nach links.
Sogar auf den Bauch.
Immer wieder dachte ich nur:
Bloß liegen bleiben. Einfach nur liegen bleiben.
Doch irgendwann klingelte um sechs Uhr morgens der Wecker. Aufstehen. Ich setzte die Füße auf den Boden.
Und dann geschah etwas, das ich bis heute nicht vergessen habe.
Ich stand auf.
Nicht herausrollen.
Nicht erst mühsam über die Seite.
Nein.
Ich richtete mich einfach auf.
Aus dem Becken heraus.
Ganz normal.
Nach über eineinhalb Jahren war normales Aufstehen plötzlich wieder möglich. Für andere Menschen mag das selbstverständlich sein.
Für mich war es damals ein Wunder. Jeder, der jemals unter einem schweren Bandscheibenvorfall gelitten hat, wird nachvollziehen können, was ich an jenem Donnerstagmorgen nach meiner ersten Tai-Chi-Stunde empfunden habe.
Bis heute erinnere ich mich an dieses Gefühl.
Wow.
Das ist es, durchfuhr es mich.
Damit stand meine Entscheidung fest: Davon wollte ich mehr erfahren. Wann ist die nächste Stunde? Gab es die Möglichkeit, öfter zu üben als nur einmal pro Woche? Ja, die gab es.
Zweimal pro Woche bei Freddy halfen mir recht schnell, mein Problem mit der Wirbelsäule in den Griff zu bekommen. Der Orthopäde hat mich danach nie wieder gesehen. Nach einigen Monaten kam die nächste Überraschung.
Mein Lebensweg sollte sich erneut verändern.
Damals war das noch nicht absehbar. Doch rückblickend betrachtet wurden genau zu diesem Zeitpunkt die Weichen gestellt. Im Nachhinein ist man bekanntlich immer klüger. Kennt ihr den Spruch?
Der Mensch denkt – Gott lenkt.
Nicht direkt, eher indirekt. Doch letztlich veränderte das, was nun kam, wieder alles.
Freddy wurde krank, und einige Kurse mussten weitergeführt werden. Meine Bekannte Christina und ich sollten diese Kurse übernehmen, schlug Freddy vor.
„Ich? Meinst du wirklich mich?“, fragte ich erstaunt.
Freddy blieb ganz gelassen. „Ja, du kannst das. Das ist wie Schwimmen lernen.“
Mit diesen Worten wurde ich kurzerhand zum Kursleiter. Viele Monate vergingen, bis Freddy wieder einsatzfähig war. Es muss etwa Herbst 2002 gewesen sein, als er die Kurse wieder übernahm.
Etwas selbst zu erlernen und zu erfahren, wie es wirkt, zu spüren, wie es das eigene Leben bereichert und Schmerzen lindert, ist wunderbar. Doch die Zeit mit Schülern ist noch einmal etwas völlig anderes. Einen Schüler anzuleiten. Eine Bewegung zu korrigieren. Etwas weiterzugeben, das einem selbst geholfen hat. Das besitzt eine ganz eigene Qualität.
Wir lachten viel, verbrachten nach den Kursen gemütliche Stunden zusammen, und mit der Zeit fiel es mir immer leichter, meine noch wenigen Kenntnisse weiterzugeben. Schließlich war ich selbst noch ein Frischling. Was mich besonders erstaunte: Es kamen immer mehr Menschen in die Kurse. Zu diesem Zeitpunkt stand mein Entschluss bereits fest: Ich wollte mehr über dieses System Taijiquan – kurz Tai Chi, wie es im Westen oft genannt wird – erfahren.
Freddy betonte immer wieder, dass es sich dabei um eine innere Kampfkunst handelt. Taijiquan als Kampfkunst? Das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Schließlich ging es doch so ruhig und langsam zu.
Genau genommen sind Taiji (Tai Chi) und Taijiquan (auch Taijichuan) zwei unterschiedliche Begriffe. Im Westen wurden diese Begriffe – ähnlich wie der Begriff Yoga – stark vereinfacht. Der Volksmund sagt Yoga und meint damit meistens die Übungen. Diese werden jedoch als Asanas bezeichnet.
Damals waren all diese Begriffe für mich noch böhmische Dörfer. Das Einzige, was ich wusste:
Durch diese Übungen – ganz gleich, wie man sie nennt – waren meine Rückenprobleme vollständig verschwunden. Später geschah noch etwas, das ich niemals erwartet hätte: Ich wurde unglaublich beweglich. Doch dazu später mehr.
Freddy war zu dieser Zeit Lehrer im System des Healing Tao. Dieses System wurde von dem chinesischen Meister Mantak Chia entwickelt.
Mantak Chia gehörte zu den ersten chinesischen Lehrern, die viele dieser traditionellen Übungen im Westen bekannt machten. Was er aus den fernöstlichen Lehren weitergab, wurde von manchen chinesischen Meistern kritisch gesehen. Altes, traditionelles Wissen an die „Langnasen“ weiterzugeben – also an Menschen aus dem Westen – war für einige undenkbar. Viele Kenntnisse und Geheimnisse dieser Bewegungskünste wurden im alten China nur innerhalb von Familienlinien weitergegeben. Daraus entstanden verschiedene Stile, die oft nach den jeweiligen Familien benannt wurden.
Der ursprünglichste Stil soll der Chen-Stil der Familie Chen sein. Der Überlieferung nach entwickelte die Familie Chen aus chinesischer Kampfkunst und dem Wissen eines indischen Gelehrten die Kampfkunst des Taijiquan.
Eine andere Geschichte erzählt, dass die Kunst aus der Beobachtung eines Kampfes zwischen Kranich und Schlange entstanden sei. Wie auch immer:
Es gibt die Kampfkunst Taijiquan – und die Familie Chen gilt in vielen Überlieferungen als einer ihrer Ursprünge.
Bei dieser Familie lebte ein Junge mit dem Familiennamen Yang. Er beobachtete heimlich das Training und übte das Gesehene für sich allein. Als er entdeckt wurde, wollte das Familienoberhaupt zunächst prüfen, was Yang bereits gelernt hatte, um anschließend über sein Schicksal zu entscheiden. Normalerweise wäre das heimliche Beobachten des Trainings der Söhne einer fremden Familie zu jener Zeit mit schwersten Konsequenzen verbunden gewesen. Doch für Yang sollte ein anderer Weg vorgesehen sein. Nachdem Meister Chen erkannt hatte, dass Yang – obwohl er niemals persönlich korrigiert oder angeleitet worden war – bereits außergewöhnliche Fähigkeiten entwickelt hatte, musste er gegen seinen ältesten Sohn antreten. Der Kampf endete ohne Sieger.
Yang wurde in die Familie aufgenommen und durfte von nun an offiziell mittrainieren. Er erwies sich als außergewöhnlich guter Schüler. Das rettete ihm letztlich das Leben.
Damit begann die Geschichte des Yang-Stils im Taijiquan.
Zurück zu Mantak Chia.
Interessant dabei ist auch, dass mein späterer Lehrer Volker Jung bereits kurz nachdem Mantak Chia in den Westen gekommen war, von ihm lernte. Damals gab es nur eine kleine Anzahl von Menschen, die sich überhaupt für solche Themen interessierten.
Tai Chi? Was für ein Quatsch.
Da es keine sichtbaren Gegner gab, bekam es im Westen den Namen „Schattenboxen“.
Zurück zu Freddy.
Freddys Lehrer war Robert Stooß aus Mannheim. Freddy sprach viel über das System Healing Tao, über Theorie und Praxis und hatte viele Vorstellungen davon, wie sich die Schule entwickeln würde. Auch darüber, welche Rolle ich dabei vielleicht übernehmen könnte. Schließlich hatte ich ja bereits einige Monate mein „Können“ unter Beweis gestellt. Doch wieder einmal sollte es anders kommen.
Der Mensch denkt – Gott lenkt.
Schon wieder!
Es kam alles anders. Nach längerem Hin und Her wartete ein anderer Weg auf mich.
Im Jahr 2003 entschloss ich mich, Taijiquan entweder im ursprünglichen Chen-Stil oder im Yang-Stil zu erlernen. Damit endete mein Weg mit Healing Tao und Freddy. Bereits zu dieser Zeit gab es ein vielfältiges Angebot. Seminare mit Abschluss als Kursleiter. Mehrjährige Lehrzeiten mit Abschluss als Lehrer. Schulen in ganz Deutschland mit unterschiedlichsten Schwerpunkten. Viele Internetseiten mit verschiedenen Beschreibungen machten die Entscheidung nicht gerade leichter.
Eines war jedoch immer wieder zu lesen:
„Lehrer und Schüler benötigen ein Vertrauensverhältnis. Zwischen Schüler und Lehrer sollte die Chemie stimmen. Es geht nicht darum, Informationen nur aus Büchern weiterzugeben. Der Lehrer sollte authentisch sein. Er sollte das, was er vermittelt, auch selbst leben. Taijiquan ist ein Tao.“
Wow. Das war eine Aussage.
Taijiquan und Tao – zwei Begriffe, die mir damals zwar begegneten, deren Bedeutung ich aber noch lange nicht verstand. Taijiquan durfte ich bereits ein wenig kennenlernen.
Doch Tao?
Das klang wieder nach einem dieser Begriffe aus den bereits erwähnten „böhmischen Dörfern“. Damals ergab all das noch keinen Sinn für mich. Tai Chi, Tao oder Dao, Konfuzius, Laotse, der Gelbe Kaiser – das war für mich einfach alles chinesisch.
Was diese Begriffe miteinander verband, sollte ich erst viele Jahre später erkennen.
Eine passende Schule finden
Die Suche nach einer geeigneten Schule war jedoch gar nicht so einfach. Was zeichnet eine gute Lehre im Taijiquan aus? Welche Faktoren und Themen spielen dabei eine Rolle? Wie lange dauert eine solche Lehre? Was kostet sie? Gibt es einen Abschluss?
Fragen über Fragen.
Besonders die Themenbereiche und die Dauer der Lehre waren für mich interessant. Schnell stellte ich fest: Die Inhalte waren unglaublich umfangreich. Meine Recherche hinterließ fast den Eindruck, dass ich eher ein Medizinstudium beginnen würde als eine Kampfkunst zu erlernen. Da waren Begriffe wie:
- Traditionelle Chinesische Medizin.
- Meridiane.
- Fünf Elemente.
- Anatomie.
- Physiologie.
- Und vieles mehr.
Hallo? Will ich Mediziner werden?
Dieser Gedanke schoss mir durch den Kopf. Sollte Taijiquan nicht eine Kampfkunst sein? Hatte ich etwas übersehen? Auch die Dauer der Lehre überraschte mich. Unter drei Jahren schien kaum eine seriöse Prüfung zum Lehrer möglich zu sein. Und um wirkliche Meisterschaft zu erreichen? Mindestens zehn Jahre.
Oh mein Gott.
Will ich das wirklich?
Erst nach vielen Monaten der Suche und nachdem ich dutzende Internetseiten verschiedener Schulen durchforstet hatte, stellte sich eine weitere Herausforderung: Reise ich quer durch die Republik? Oder gibt es vielleicht auch etwas in der Nähe? Letztendlich fiel meine Wahl auf eine Schule in Wiesbaden.
Gut, da rufe ich jetzt einmal an.
Gesagt, getan. Zu meiner Überraschung meldete sich der Chef persönlich. Das hinterließ bereits einen ersten Eindruck. Nach einem kurzen Gespräch erhielt ich eine Einladung zu einem Informationstag in der Schule in Wiesbaden.
So begann mein Weg im Taijiquan.
Mein erster Kontakt mit Kampfsport
Meinen ersten Kontakt mit Kampfsport hatte ich im Alter von vierzehn Jahren. Damals begann ich Taekwondo zu erlernen. Allerdings blieb ich nur etwa drei Jahre dabei. An den Fauststoß aus dem Taekwondo kann ich mich bis heute gut erinnern.
Die Faust liegt seitlich am Körper, der Handrücken zeigt nach unten. Mit einem kräftigen „Hua!“ wird die Luft ausgestoßen, während die Faust in einer schnellen Drehbewegung nach vorne schnellt. In der Endposition zeigt der Handrücken nach oben. Der Impuls kommt aus der Schulter, die sich dabei leicht mit nach vorne bewegt. Gleichzeitig zieht sich der andere Arm in einer entgegengesetzten Drehbewegung zurück, bis seine Faust wieder an der Hüfte angekommen ist.
Vorstellbar? Wenn beide Arme anschließend im schnellen Wechsel arbeiten, klingt das ungefähr so:
LAUT rufen „Hua! Hua! Hua! Hua!“
Der Schrei gehört einfach dazu. Je schneller, desto besser. Und schnell war ich damals. Mein großes Hobby war Tischtennis. Ich spielte in einer Herrenmannschaft, und dieser Sport verlangt schnelle Reaktionen und präzise Bewegungen. Also war ich fest davon überzeugt:
Für Taijiquan bin ich doch bestens vorbereitet. Oder etwa nicht? Mit dieser Vorstellung begann ich meine Lehre im Taijiquan. Heute sehe ich das übrigens etwas anders.
Im Nachhinein glaube ich sogar, dass es manchmal einfacher ist, ohne Vorkenntnisse zu beginnen. Wer noch keine Bewegungsmuster verinnerlicht hat, muss später auch nichts wieder umlernen. Doch damals wusste ich das natürlich nicht. Schon nach kurzer Zeit fragte ich mich:
Was machen die da eigentlich?
Warum sind diese Bewegungen so langsam?
Und was erzählt der da ständig von Chi und Meridianen?
Bin ich hier überhaupt richtig?
Die ersten Stunden waren ausgesprochen gewöhnungsbedürftig. Genau genommen waren es gar keine Stunden, sondern ganze Wochenenden. Die gesamte Lehre fand in Wochenendseminaren von jeweils rund zehn Stunden statt. Da stand ich nun, gemeinsam mit ungefähr zwanzig weiteren Teilnehmern. Wenn ich mich an ihre Gesichter erinnere, hatten viele denselben fragenden Blick wie ich.
Uiuiui … Auf was hast du dich da bloß eingelassen?
So gingen mir an den ersten Wochenenden unzählige Gedanken durch den Kopf. Das hatte ich mir vollkommen anders vorgestellt. Selbst die Kung-Fu-Filme vermittelten ein völlig anderes Bild. War das wirklich die richtige Schule? Ein Fragezeichen folgte dem nächsten.
Bei Freddy war alles irgendwie anders gewesen. Dort hieß es auch nicht Taijiquan, sondern Healing Tao. Dass ich trotzdem bei Volker blieb, hatte nur einen Grund. Ich hatte erlebt, wie nach meiner ersten Kursstunde bei Freddy plötzlich die Schmerzen verschwanden. Meine Lendenwirbelsäule heilte damals innerhalb kurzer Zeit aus – und das, ohne dass ich noch einmal einen Orthopäden aufsuchen musste.
Dieser eine Gedanke genügte, um weiterzumachen:
Zu irgendetwas wird das schon gut sein.
Es dauerte eine ganze Weile – um nicht zu sagen: Jahre –, bis mir bewusst wurde, warum auf diese Weise gelehrt wurde. Genauer gesagt dauerte es viele Jahre, bis sich mein Bewusstsein so weit entwickelt hatte, dass ich manches überhaupt erfassen und schließlich auch erfahren konnte. Mit dem Verstand allein geht das nicht. Ich erinnere mich noch gut an Sätze wie:
„Lass dein Handgelenk locker.“
„Ist doch locker“, war meine Antwort.
Oder:
„Entspann dich einmal in der Hüfte.“
Bitte sehr … Wie entspannt man denn eine Hüfte?
Ich war überzeugt, genau das zu tun. Heute weiß ich: Zwischen dem, was ich glaubte zu tun, und dem, was ich tatsächlich tat, lagen Welten. Ich konnte es schlicht nicht wahrnehmen. Erst durch die Korrekturen von Lehrmeister Volker begann ich nach und nach zu spüren, was er überhaupt meinte.
Im Kurs staunte ich immer wieder über die Präzision, mit der jede einzelne Bewegung erklärt wurde. Doch damit nicht genug. Zu jeder Bewegung kamen Hinweise auf Meridiane, Meridianpunkte, Yin und Yang, Kreise, Spiralen und vieles mehr. Damals fragte ich mich oft:
Was soll das alles bringen?
In den ersten Jahren rauchte mir regelmäßig der Kopf. Nach wenigen Minuten schaltete mein Gehirn innerlich einfach ab. Der Grundstufenlehrgang war längst beendet.
Die Prüfung ebenfalls.
Und trotzdem dauerte es noch Jahre, bis mir langsam dämmerte, worum es bei Chi und all den sogenannten „inneren Dingen“ tatsächlich ging. Heute würde ich sogar sagen:
Damals hatte ich noch überhaupt keine Vorstellung davon.
Meine langjährige Erfahrung mit Mentalem Training war mir dabei allerdings eine große Hilfe. Dadurch begann ich vergleichsweise früh Dinge wahrzunehmen und umzusetzen, die ich nach der kurzen Lehrzeit vermutlich noch gar nicht hätte erfassen können.
Vergleichsweise früh …
Im Taijiquan bedeutet das ungefähr sieben Jahre. Ja, sieben Jahre gelten dort tatsächlich noch als „früh“.
Im Jahr 2008 besuchte ein amerikanischer Physiotherapeut und Tai-Chi-Meister unsere Schule. Er war bereits seit rund dreißig Jahren im Taijiquan zu Hause und war unter anderem auch in der Hall of Fame vertreten. Zum ersten Mal konnte ich dort am eigenen Körper erleben, wo ich auf meinem Weg überhaupt stand. Während einer Übung versuchte Joe, mich aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Es gelang ihm nicht.
Er schaute mich an und fragte:
„How long have you been practicing Tai Chi?“
„Seven years.“ war meine Antwort
Er schüttelte den Kopf.
„Never. No way.“
Lehrmeister Volker stand in diesem Moment direkt neben uns und hatte die Übung beobachtet. Er bestätigte meine Antwort.
Ich denke, dass sich hier meine zwanzig Jahre Meditation bemerkbar machten. Rückblickend war das vermutlich ein Vorteil, den ich selbst damals noch gar nicht richtig einordnen konnte.
Erst einige Jahre später glaubte ich zu begreifen, worum es im Taijiquan im tieferen Sinne wirklich geht. Heute – nach über zwanzig Jahren – würde ich diesen Satz allerdings anders formulieren. Heute würde ich sagen:
Ich stehe ganz am Anfang.
Lehrmeister Volker Jung sagte immer wieder:
Ein Schüler sollte mindestens zehn Jahre bei einem Meister bleiben. Nicht nur, um dessen Wissen zu lernen. Sondern um zu erfahren, wie dieses Wissen gemeint ist. Und wie es gelebt wird.
Erst im gemeinsamen Training mit den langjährigen Schülern der Indoor Class – so nannte Volker den inneren Kreis – begann sich nach und nach zu zeigen, was mit den sogenannten „Geheimnissen“ des Taijiquan gemeint ist. In den chinesischen Lehren und Büchern wird es immer wieder wie folgt beschrieben:
Du kannst hundert Bücher lesen – es wird dir nichts nützen. Du kannst eine Bewegung zehntausend mal üben – es wird dir nichts nützen. Wahres Tai Chi kann man nicht verstehen. Ohne einen erfahrenen Lehrer, der selbst erlebt hat, wovon er spricht, wird es kaum möglich sein, in die Tiefe des Taijiquan einzutauchen.
Man braucht Korrektur.
Man braucht Anleitung.
Und manchmal genügt eine kleine Berührung des Lehrers, um etwas zu erleben, wofür Worte niemals ausreichen würden.
Nach all den Jahren meiner Lehre ist genau das eine meiner wichtigsten Erkenntnisse.
Aus diesem Grund ist es für mich auch verständlich, dass in unserer heutigen, schnelllebigen Zeit immer weniger Menschen bereit sind, sich auf eine solche Lehre einzulassen. Oder zumindest nur sehr wenige. Die meisten Menschen verbinden Kampfkunst heute mit etwas anderem. Sie möchten lernen, sich zu verteidigen.
Und zwar möglichst schnell.
Schnell?
Um Taijiquan wirklich zu verinnerlichen, braucht es viele Jahre – nicht nur ein paar Wochenenden. Dafür ist das Ergebnis nach jahrelanger Übung von besonderer Qualität. Warum das so ist, darauf komme ich in einem späteren Heft noch ausführlich zurück.
Mein Freund Thomas hat es da leichter.
Er betreibt eine Martial-Arts-Schule mit dem Namen „Snake Crane Wing Chun“.
Er sagt:
„Die Menschen wollen sich schnell verteidigen können.“
Und damit hat er vermutlich recht.
In seinem System lernen die Schüler schon nach vergleichsweise kurzer Zeit wirksame Techniken zur Selbstverteidigung. Besonders Kinder und Jugendliche finden deshalb schnell Zugang dazu.
Thomas berichtet, dass Mobbing an Schulen, zunehmende Gewalt und auch sexuelle Übergriffe unter Kindern heute große Themen seien. Seine Schule hatte noch nie so viele Schülerinnen und Schüler wie heute.
- Kinder.
- Jugendliche.
- Erwachsene.
Nach unserem letzten Gespräch im Juli 2026 sagte er zu mir: „Mittlerweile habe ich sogar mehr Kinder als Erwachsene.“
Die Kinder selbst erzählen, dass die Situation an vielen Schulen schlimmer geworden sei als noch vor wenigen Jahren.
Was für eine Welt.
Ein Spruch aus dem Zen lautet:
„Wenn ein Meister durch den Wald geht, hört er nicht nur die Schritte, sondern auch das Flüstern der
Bäume und das Murmeln des Windes. Er ist eins mit der Natur und findet in der Stille die Antworten, die er sucht.“
Als ich diesen Satz zum ersten Mal las, musste ich schmunzeln. Denn heute gibt es auf diesem Planeten leider immer weniger Wald. Wo soll man da noch das Flüstern der Bäume hören?
Ein Spruch aus dem Taijiquan beschreibt denselben Gedanken auf andere Weise:
„Der beste Kampf ist der, der nicht stattfindet. Wahre Stärke liegt nicht im Sieg über den Gegner, sondern im Frieden mit uns selbst und der Welt um uns
herum.“
Yin und Yang – Zwei Welten, ein Universum
Diese beiden Begriffe waren mir anfangs so fremd, dass du dir das kaum vorstellen kannst.
Yin und Yang?
Was sollte das überhaupt sein? Ich kannte lediglich dieses schwarz-weiße Symbol mit den beiden Punkten. Man sah es auf Anhängern, Fensterbildern oder irgendwelchen Dekorationsartikeln. Mehr Bedeutung hatte es für mich damals nicht. Das sollte sich allerdings sehr schnell ändern. Bereits während der Grundstufe meiner Lehre wurde ich ständig mit Yin und Yang konfrontiert.
Meine erste Reaktion?
Oh mein Gott …
Das begreifst du nie.
Die Energien von Yin und Yang
Die Kräfte von Yin und Yang sind zwei äußerst feine, subtile Energiequalitäten. Sie umfassen weit mehr, als man zunächst vermutet. Je länger ich mich mit ihnen beschäftigte, desto mehr faszinierten sie mich. Ich begann zu forschen.
In Büchern.
Während meiner Übungen.
Im Training mit Lehrern, Kollegen und Schülern.
Überall stellte ich dieselbe Frage:
Was steckt wirklich hinter Yin und Yang?
Die erste Formvertiefung im Taijiquan, die wir bereits in der Grundstufe erlernten, trug den Namen Yin und Yang. Damals wurde sie zunächst sehr einfach erklärt – hauptsächlich über den Atem. Mehr nicht.
Kurze Erklärung zur Tai-Chi Form und Formvertiefung
Die Tai-Chi-Form ist eine Abfolge von Bewegungen ähnlich einer Choreographie. Die lange Form der Yang-Familie besteht aus drei Teilen. Der erste Lernabschnitt besteht darin diese Choreographie (also alle drei Teile) auswendig ablaufen zu können. Wobei sich die Arm-, Hände- und Beinendpositionen in einer Abweichung von einigen Zentimetern vom Idealablauf bewegen sollten. So erlernt man den physischen Ablauf.
In der Formvertiefung werden weitere Aspekte zum physischen Ablauf hinzugenommen. Die erste Vertiefung ist Yin Yang. Insgesamt gibt es 12 Vertiefungsstufen.
Großes Interesse löste das bei mir noch nicht aus. Im Gegenteil. Ich empfand diese Vertiefung eher als schwierig. Sie brachte mich ständig aus meinem gewohnten Rhythmus.
Yin.
Yang.
Yin.
Yang.
Oh Mann …
Ein Glück, dachte ich damals, dass in meiner Prüfung dazu keine Fragen gestellt wurden. Ganz verschont blieb ich allerdings nicht. Es kamen einige Fragen zu Meridianen und Meridianpunkten. Das Ergebnis fiel eindeutig aus:
„Da sollten Sie noch etwas lernen und üben.“
Oje …
Das war’s jetzt wohl.
Dreieinhalb Jahre für die Katz. Bücher zu wälzen gehörte noch nie zu meinen Lieblingsbeschäftigungen.
Doch meine praktischen Ausführungen und die übrigen Antworten reichten schließlich aus. Ich hatte bestanden.
Yippie Yeah!
Nach einigen Jahren des Studiums von Yin und Yang und nach vielen tausend persönlichen Erfahrungen mit Meistern, Lehrern, Schülern und Kollegen begann sich für mich eine neue innere Welt zu öffnen. Immer deutlicher erkannte ich: Das, was ich über Yin und Yang gelesen hatte, und das, was ich in Übungen und unzähligen praktischen Erfahrungen wahrnehmen konnte, passte nicht vollständig zusammen. Irgendetwas fehlte. Was stand dort in den Büchern über Yin und Yang? Wer hatte diese Erkenntnisse niedergeschrieben?
Und vor allem: Woher hatte derjenige dieses Wissen?
Diese Fragen beschäftigten mich immer mehr. Anders ausgedrückt: Das, was ich wahrnahm und langsam verinnerlichte, konnte ich in dieser Form in keinem Buch finden.
Da war mehr.
Viel mehr.
Mehr Ebenen.
Mehr Zusammenhänge.
Mehr, als das, was uns üblicherweise vermittelt wird.
Natürlich haben Bücher ihren Wert. Sie können Wissen weitergeben. Sie können Zusammenhänge erklären. Aber eines können sie nicht:
Sie können keine Erfahrung vermitteln. Sie können nicht beschreiben, wie sich etwas tatsächlich anfühlt.
Manche Prozesse – und ja, es sind Prozesse – benötigen ein entsprechendes Körperbewusstsein und eine entsprechende innere Haltung. Jeder kann Tai Chi, Taijiquan oder Qi Gong erlernen. Dafür braucht es keine besonderen Voraussetzungen. Eigentlich braucht es nur eines:
Ein klares Ich WILL.
Letztlich sind es Wege, um das Gleichgewicht im Körper wiederherzustellen und damit einen energiereichen und gesunden Zustand zu unterstützen. Wer sollte das nicht wollen? Schließlich hat auch jeder Mensch gelernt zu laufen. Zumindest gehe ich davon aus. Doch nicht jeder Mensch läuft einen Marathon. Oder mehrere. Genauso verhält es sich mit Tai Chi, Taijiquan, Qi Gong oder Yoga. Die Grundlagen können viele Menschen erlernen. Doch die Tiefe entsteht erst durch jahrelange Beschäftigung.
Diejenigen, die Bücher schreiben und Lehren weitergeben, haben sich selbstverständlich intensiv mit diesen Themen beschäftigt. Davon gehe ich aus. Die entscheidende Frage bleibt jedoch:
- Wie tief sind sie tatsächlich in diesen „Kaninchenbau“ vorgedrungen?
- Was waren die Grundlagen ihrer Erkenntnisse
- Woraus schöpften sie ihr Wissen?
„Wenn du zurück zur Quelle willst, dann musst du gegen den Strom schwimmen.“
ZEN
Wenn ich mir vorstelle, ich würde tatsächlich in einem Fluss wie dem Rhein gegen die Strömung schwimmen, dann wäre das vermutlich sehr kräfteraubend. Nach kurzer Zeit würden die Kräfte nachlassen. Und irgendwann würde man vermutlich untergehen. Das kann ZEN natürlich nicht gemeint haben. Also nicht im wörtlichen Sinne. Es ist eine Metapher. Vielleicht bedeutet es:
Tue nicht einfach das, was alle tun.
Sei kein Herdentier.
Gehe deinen eigenen Weg.
Folge deiner eigenen Erkenntnis.
Im ZEN verständlicher ausgedrückt, würde ich den Gedanken so formulieren:
„Wenn du zurück zur Quelle willst, dann schaue, dass du ans Ufer kommst und zur Quelle zurückläufst.“
Song Zuo
Die Chancen, die Quelle ohne Kampf tatsächlich zu erreichen, stehen dann vermutlich deutlich besser.
Gehen wir nun zurück zu den Anfängen im alten China der neueren Zeit.
Das Rätsel
Wie war das noch in der ersten Vertiefungsstufe der Tai-Chi-Form?
Yin Yang.
Yin Yang
Einatmen Ausatmen.
Einatmen Ausatmen.
Beides gleichzeitig geht nicht. Du kannst nicht gleichzeitig ein- und ausatmen. Nacheinander schon. Erst hinein, dann hinaus. Ganz einfach.
Oder?
Die Energie folgt der Aufmerksamkeit, hieß es.
Welche Energie?
Diese Frage stellte ich mir damals.
Mit der Zeit wuchs mein Interesse an Yin und Yang immer mehr. Diese beiden Begriffe zogen meine Aufmerksamkeit zunehmend auf sich. Je länger ich übte, desto mehr Fragen entstanden.
Was steckt wirklich dahinter?
Ist Yin Yang nur ein Symbol?
Nur eine Erklärung für Gegensätze?
Oder verbirgt sich dahinter ein viel umfassenderes Prinzip?
Damals konnte ich diese Fragen noch nicht beantworten.
So vergingen die Jahre.
Schüler kamen.
Schüler gingen.
Und immer wieder geschah etwas Interessantes.
Manchmal sehr subtil.
Manchmal kaum wahrnehmbar.
Doch eines fiel auf:
Es wiederholte sich.
Die Zeiträume waren bei vielen Schülern erstaunlich ähnlich. Je nach Persönlichkeit etwas unterschiedlich, aber das Muster blieb bestehen.
Was geschah da?
Diese Frage ließ mich nicht mehr los.
Folgendes beobachtete ich immer wieder:
Ein Mensch meldet sich für einen Tai-Chi-Kurs an. Die ersten Kursstunden verlaufen voller Begeisterung. Es gibt Erklärungen zu Tai Chi und allem, was dazugehört. Der Aufbau eines Kurses beginnt mit Übungen zum Aufwärmen. Danach folgen vorbereitende Übungen für die Form. Dann kommt die Form selbst. Zum Abschluss einige Qi-Gong-Übungen. Die Begeisterung ist am Anfang fast immer groß. Die Menschen spüren Veränderungen. Der Körper fühlt sich anders an. Verspannungen lösen sich. Die Wahrnehmung des eigenen Körpers wächst. Und langsam, Schritt für Schritt, entstehen die ersten Erfahrungen mit der eigenen Energie – dem Chi.
Gerade bei den ersten Begegnungen mit dem eigenen Chi sah ich oft strahlende Augen. Es war schön zu beobachten. Menschen entdecken plötzlich etwas in sich, von dem sie vorher gar nicht wussten, dass es existiert.
Und dann?
Nach ungefähr sechs bis neun Monaten veränderte sich bei vielen etwas.
Nicht bei allen
Aber bei erstaunlich vielen.
Plötzlich tauchten Hindernisse auf. Gründe, warum das Training schwieriger wurde. Warum die Zeit fehlte. Warum andere Dinge wichtiger erschienen. Und irgendwann hörten einige auf. Zumindest schien es so.
Tatsächlich war es für mich lange Zeit ein Rätsel. Es gab viele sehr talentierte Schüler, die den Weg nicht weitergingen.
Warum?
Lag es am Lehrplan? Lag es an mir als Lehrer? War die Methode vielleicht nicht passend?
Diese Fragen beschäftigten mich.
Als dieses Thema einmal im Lehrerkollegium – der Inner-Class des Tai-Chi-Forums Deutschland – besprochen wurde, stellte sich heraus:
Dieses Phänomen war bekannt. Es gab eine natürliche Fluktuation. Viele Schulen kannten dieses Muster. Auch meinem Ausbilder und Lehrmeister Volker Jung war diese Entwicklung bekannt. Er konnte sie sogar schon über viele Jahre beobachten, da er Tai Chi bereits in den Anfängen in Deutschland kennengelernt hatte. Doch eine wirklich befriedigende Erklärung dafür konnte mir niemand geben.
Und genau das wollte mir nicht in den Kopf. Denn für mich ergab sich ein scheinbarer Widerspruch:
Menschen beginnen Tai Chi.
Sie sind begeistert.
Sie fühlen sich körperlich besser.
Manche Schmerzen verschwinden.
Rückenprobleme lösen sich auf.
Sie spüren mehr Energie und ein neues Körpergefühl.
Und dann hören sie plötzlich auf?
Sie geben etwas auf, das ihnen offensichtlich gutgetan hat?
Das war für mich schwer nachvollziehbar.
Es gab für dieses Phänomen keine Erklärung, die mich zufriedenstellte. Vor allem deshalb nicht, weil es zu regelmäßig auftrat. Und es passiert bis heute. Für mich war Tai Chi damals genau deshalb so wichtig geworden: Weil ich selbst erfahren hatte, dass es mein Leben verändern konnte. Dass mein Körper darauf reagierte. Dass etwas geschah. Eine mögliche Erklärung dafür zu finden, beschäftigte mich viele Jahre.Und eines wurde mir dabei immer klarer: Mit dem Verstand allein lässt sich dieses Phänomen nicht erklären.
Hier betreten wir eine neue große Bühne. Eine Bühne, die nicht nur dreidimensional ist.
Sie ist viel größer.
Viel umfassender.
Viel weitreichender, als du es dir vielleicht in deinen kühnsten Träumen vorstellen kannst. Diese Bühne ist gleichzeitig Nichts und Alles. Sie ist die Grundlage vieler Wege.Die Grundlage von Kampfkünsten.
Von Übungen in allen Sportarten.
Von Yoga.
Von Meditation.
Und vielleicht noch von vielem mehr. Wovon spreche ich? Was ist hier gemeint? Vielleicht ahnst du es bereits.
Ja, genau. Es geht um die erste Formvertiefung.
Es geht um Yin und Yang.
Nicht um die Form. Sondern um das Prinzip dahinter.
An dieser Stelle beende ich die Einführung.
Nur du kannst beurteilen, ob es mir gelungen ist, dir zu zeigen, wie ich zu all diesen Erkenntnissen gekommen bin. Wie mein Weg begann. Wie Taijiquan mir geholfen hat, meine gesundheitlichen Probleme zu lösen. Und wie aus einer anfänglichen Erfahrung eine jahrzehntelange Suche entstanden ist.
Eines ist sicher:
Laufen lernst du nicht an einem Tag.
Auch nicht in einer Woche.
Nicht einmal in einem Monat.
Ein kleines Kind benötigt dafür ungefähr ein Jahr – bei täglichem Üben.
Immer wieder.
Von morgens bis abends.
Es fällt hin.
Es steht wieder auf.
Es probiert es erneut.
Ganz egal, wie oft es auf die Nase fällt.
Für das Kind zählt nur eines:
Es möchte mit diesen beiden Dingen da unten, die wir Beine nennen, genau das tun, was seine Vorbilder tun.
Es WILL laufen.
Und dann kommt dieser besondere Moment. Wenn Mama oder Papa zum ersten Mal die Hände reichen. Wenn das Kind noch völlig unsicher ist und fast mehr gehalten als getragen wird. Es bewegt sich noch nicht wirklich selbst.
Es wird bewegt.
Aber es spürt:
Da ist etwas möglich.
So ähnlich kann man sich auch das Erlernen des Taijiquan vorstellen. Die Chinesen sagen sinngemäß:
Wenn du eine Bewegung 100.000-mal geübt hast, dann hast du vielleicht eine erste Ahnung davon, was diese Bewegung wirklich bedeutet. Und vielleicht entsteht dann die erste richtige Frage. Vorher brauchst du keinen chinesischen Meister zu fragen. Die Antwort wäre vermutlich nur:
Mehr üben.
Doch letztendlich geht es nicht darum, eine Bewegung perfekt auszuführen.
- Es geht um deinen Körper.
- Um deine Gesundheit.
- Um dein Wohlbefinden.
- Um deine Entwicklung.
Die nächste Ausgabe
Yin und Yang – ein paar Fragen zur Sache
Darin geht es um einige Fragen und Überlegungen zu diesen beiden Energiequalitäten, die vielleicht aus einer anderen Perspektive betrachtet werden können.
Denn Yin und Yang bestehen nicht nur aus zwei Seiten einer Medaille.
Vielleicht gibt es noch viel mehr zu entdecken.
Wenn du bereit bist, tiefer einzudringen, können diese Betrachtungen deine bisherigen Erfahrungen erweitern.
Vielleicht bringen sie auch manche deiner bisherigen Vorstellungen ein wenig ins Wanken.
Also:
Wir sehen uns wieder.
In der Welt von Yin und Yang.
Song Zuo
Juli 2026